Ein Kraut gewachsen

Mag. Ruth Fischer: „Am 12. Mai 2016 versammelten sich Experten aus Phytopharmazie, Pharmakognosie und Gynäkologie in der Galerie der Österreichischen Apothekerkammer um vage Behauptungen mit weitreichender Tragweite zum Thema Heilpflanzen zu entwurzeln.“

Mag. Ruth Fischer


Soja und Rotklee, Mönchspfeffer
, Traubensilberkerze, Passionsblume, Baldrian, Melisse, Johanniskraut, Kürbis und Cranberry – Mutter Natur bietet einen schier unerschöpflichen Vorrat an Heilpflanzen, um deren Wirksamkeit schon die erdverbundenen Alchemisten wussten. Seit Mai 2016 ist den natürlichen Heilmitteln, die in der Moderne vor allem in den Anwendungsgebieten  der Pharmakognosie, Phytotherapie und Endokrinologie feste Wurzeln geschlagen haben, ein neues Attribut geschlossen gemeinsam: „Wenig geeignet“.

Pharmazeutika aus der Mogelpackung?

Das österreichische Testmagazin „Konsument“ stellte den Pflanzenpräparaten, auf die nicht nur die Komplementär-, sondern mittlerweile auch die Schulmedizin baut, in seinem letzten Testbericht, „Kein Kraut gewachsen“, ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Frauen im Klimakterium griffen in der Lebensmitte und bei Wechseljahresbeschwerden zunehmend auf die bewährten Pflanzenstoffe, deren Wirkkraft potenziert in Präparaten vom Arzneimittel bis zum Nahrungsergänzungsmittel zum Einsatz kommt, zurück, so das Postulat der Zeitschrift für Verbraucherinformation. Die klassische Hormonersatztherapie verunglimpfte das Magazin nicht nur aufgrund ihrer Nebenwirkungen, die Frauen im Wechsel mit Schmierblutungen, Brustspannen oder Übelkeit noch zusätzlich belasten können, sondern auch wegen ihres beschränkten Horizonts. Als Alternative werden Pflanzenpräparate angeführt. Von Langzeitwirkung kann aber nicht die Rede sein. Denn schenkt man dem Testbericht Glauben, der 36 Präparaten, darunter 6 Arznei- und 30 Nahrungsergänzungsmitteln geheischte Wirkkraft unterstellt, so sind die Pharmazeutika auf Basis von Heilpflanzen nicht mehr als eine Mogelpackung.

„Wenn sowohl die Hormonersatztherapie als auch die Pflanzliche Alternative als wirkungslos etabliert werden, dann frage ich mich als Frau, welche Alternative bleibt?“, eröffnete die Vizepräsidentin der Herbal Medicine Products Platform Austria ihre Rede im Kreis eines Expertengremiums, das sich letzte Woche zu einer Gegendarstellung in der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer eingefunden hatte. Neben der Pharmakognostin Brigitte Kopp hatten sich Hermann Stuppner, Präsident der HMPPA, Rudolf Bauer, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften, und Johannes Huber, der die Erörterung als Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Hormonspezialist in ein medizinisches Gewand kleidete, zu einer Fachdiskussion formiert. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Universitätsprofessor Chlodwig Franz aus der Abteilung Funktionelle Pflanzenstoffe der Vetmeduni Wien, der inmitten der Sammelstätte pharmazeutischen Schrifttums durch den regen Dialog führte.

Passionsblume Dr. Böhm
Bei der Pressekonferenz der Herbal Medicine Products Platform Austria kamen Experten der Phytopharmazie zusammen um die Wirkkraft der Heilpflanzen zu unterstreichen.


Heilpflanzen – geerdete Wahrheit oder blühende Fantasie?

Das Publikum lauschte gebannt den Erkenntnissen des Gremiums, das auch aus persönlicher Überzeugung die Wirksamkeit der Pflanzenpräparate verfocht. Dass die Effekte der Pflanzenstoffe nicht von einer dürftigen Studienlage, wie vom Konsument behauptet, sondern, ganz im Gegenteil, von profunder Grundlagenforschung gestützt werden, unterstrich der Vizepräsident der HMPPA schon in seiner Eröffnungsrede. Ein Gütesiegel für Pflanzenextrakte werde nicht wahllos, sondern begleitet von Vertretern der Botanik, Biologie, Pharmakognosie und Medizin, vergeben, die dem Prozess bis zum pharmazeutischen Endprodukt von der Pflanze bis zur isolierten Grundsubstanz beiwohnten.

Die Pharmakognostin Brigitte Kopp, die die Pflanzenarzneien von dem Artikel in Misskredit gebracht sah, ereiferte sich in einer wissenschaftlich sowie rhetorisch reifen Rede für die Substanzen. Als Frau, die von Wechseljahresbeschwerden zu ihrem eigenen Leidwesen schon betroffen war, sprach sich die Vizepräsidentin nicht nur gegen die Vorwürfe aus: „Die Aussage, dass die Studienlage dürftig sein soll, ist für mich nicht nachvollziehbar. Wenn man so offensichtlich keinen uneingeschränkten Zugang zu Studien oder Theorieerkenntnissen hat, und nicht so gewissenhaft arbeitet wie beispielsweise meine Studenten, dann sollte man mit schwerwiegenden Behauptungen vorsichtig sein.“

 

Isoflavone in den Wechseljahren
Das Apothekerhaus in Wien birgt einen sehr beachtenswerten Schatz, die älteste und eine der bedeutendsten pharmazeutischen Fachbibliotheken des deutschen Sprachraums.

Die Expertin, deren emphatischer Ausspruch für die Phytotherapie bis in die Galerien der Pharmaziebibliothek spürbar wurde,  stellte darüber hinaus sogar einen über die Symptommilderung hinausgehenden positiven Langzeiteffekt der Präparate in den Raum: „Studien über Traubensilberkerze und Wurzelextrakt können sogar evident belegen, dass sich durch die Einnahme die Knochendichte verbessern und so eine positive Diagnose für Osteoporosepatienten stellen lassen kann.“ Das Conclusio der Phytomedizinerin dürfte vor allem Frauen in der perimenopausalen Phase aus der Seele sprechen: „Die Verfasserin des Artikels dürfte selbst noch nicht im Klimakterium gewesen sein. Andernfalls kann ich als ehemalige Leidtragende nicht verstehen, warum man Frauen im Wechsel, die dankbar für pflanzliche Behandlungsalternativen mit geringem Nebenwirkungspotenzial sind, jede Hoffnung auf gelinde Besserung nimmt. Von einem Satz in der Packungsbeilage auf mögliche Wirk- und Nichtwirkungen zu schließen, finde ich nicht fair!“

 

„Man lässt Frauen im Regen stehen!“: Ärzte verteidigen pflanzliche Arzneien gegen „Konsument“-Kritik from O-TON.AT on Vimeo.

Ein Ozean aus Östrogenen

Das Crescendo des wissenschaftlichen Quintetts erbrachte wohl Hormonspezialist Johannes Huber, der von den Phytopharmaka auch in der gynäkologischen Praxis überzeugt ist. Die Wirksamkeit bei Wechseljahresbeschwerden – unter anderem von den in Soja und Rotklee enthaltenen Isoflavonen – sei in zahlreichen Studien und Metaanalysen belegt. Letzte Zweifel zu Heilpflanzen schwemmte der Aphoristiker wohl mit seinem treffend gewählten Zitat aus dem Medical Journal The Lancet hinweg: „Wir alle schwimmen in einem Ozean aus Östrogenen, ohne es zu wissen.“

Weitere Weisheiten, die die Mediziner zum Besten gegeben haben und Impressionen, die die Szenerie in der Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer umflorten, möchte ich als Unternehmensleiterin der Apomedica Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten:

 

Es gibt Ansprechpartner, die man fragen kann, und ich denke, man sollte diese Kooperation auch nutzen.

Brigitte Kopp über die Recherchearbeit der Konsument Redaktion

Das Klimakterium ist keine Krankheit, kann aber schwere Beschwerden hervorrufen. Und ich frage mich, warum soll die Frau leiden?

Johannes Huber zum Thema Offenheit gegenüber Phytopharmaka.

Die erfolgreichsten Medikamente der Medizin kommen von Mutter Natur!

Johannes Huber über die praktische Anwendung von Pflanzenpräparaten in der Gynäkologie.

Im Artikel des Konsument wird nicht zwischen den Präparaten differenziert. Die Erkenntnisarbeit wird in ihrer Fülle nicht berücksichtigt.

Rudolf Bauer zur mangelnden Qualität in der Recherche.

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